Gastfreundschaft, Eigennutz und Integrität
- Stefan Haderer

- vor 2 Tagen
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Drei Wörter, drei Haltungen, die uns im Leben begleiten begegnen uns in Sophokles' Drama "Ödipus auf Kolonos" zentral. Als spätes Werk des Dichters handelt es um das Altern. Nun stehen - nicht wie in seinem Vorgängerwerk "König Ödipus" - Schuldaufdeckung, Erkenntnis und tragisches Scheitern im Vordergrund. Ins Zentrum tritt eine schlichte, zugleich radikale Frage: Wo darf ein Mensch sein, wenn er nichts mehr vorzuweisen hat.
Ödipus - gealtert, erblindet, abhängig, gezeichnet von seinem Lebensweg - sucht keinen Sinn, keine Rechtfertigung, keine Erlösung. Er sucht einen Ort - einen Ort, an dem er bleiben darf. So wird das Drama zu einer existentiellen Erkundung dessen, was menschliche Begegnung im Kern ausmacht.
Zwei Könige sind es, die Ödipus gegenübertreten: Theseus und Kreon. Sie verkörpern zwei grundverschiedene Haltungen zum Menschen.
Kreon begegnet Ödipus aus einer Logik des Eigennutzes, nämlich funktional - im Namen der Ordnung und des Gemeinwohls. Ödipus wird für ihn zur Ressource: wichtig nicht als Mensch, sondern wegen seiner Wirkung. Der Einzelne zählt, insofern er nützlich ist. Der Mensch wird verfügbar gemacht.
Theseus zeigt sich in der Begegnung mit Ödipus auf andere Weise. Er fragt nicht nach Schuld, nicht nach Vergangenheit, nicht nach Nutzen. Er begegnet dem leidenden Menschen aus der Einsicht gemeinsamer Endlichkeit. Seine Gastfreundschaft ist keine Strategie, sondern Ausdruck einer Haltung: Der Mensch hat Würde, weil er da ist. Gastfreundschaft bedeutet hier, Raum zu geben ohne Vorbedingung.
Ödipus selbst zeigt sich integer - nicht im Sinne von Unversehrtheit oder Schuldlosigkeit, sondern als innere Stimmigkeit. Trotz Abhängigkeit und Verletzung weigert er sich, sich instrumentalisieren zu lassen. Integrität zeigt sich darin, sich selbst nicht zu verraten - auch dann nicht, wenn Anpassung Vorteile brächte.
"Ödipus auf Kolonos" konfrontiert uns mit den grundlegenden Möglichkeiten des Menschen:
Begegnen wir einander als Menschen oder als Funktionen?
Nehmen wir auf oder verwenden wir?
Handeln wir aus Eigennutz - oder aus einer Haltung heraus, die gar nicht zuerst fragt, was es bringt?
Diese Fragen reichen weit über den literarischen Kontext hinaus. Sie berühren unsere Beziehungen, therapeutische Haltungen und die Weise, wir wir selbst in der Welt stehen: Gastfreundschaft, Eigennutz und Integrität als Weisens des Daseins.


